Deutschland fehlen 120.000 Lkw-Fahrer
Die deutsche Logistikbranche schlägt Alarm wegen zunehmender Personalengpässe. „Es fehlen momentan 120.000 Lkw-Fahrer plus X“, sagte der Vorstandssprecher des Bundesverbandes Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL), Dirk Engelhardt, am 29. Dezember der Nachrichtenagentur Reuters (1). Pro Jahr gingen etwa 30.000 bis 35.000 Fahrer in den Ruhestand. Dem stünden jedoch nur 15.000 bis 20.000 Nachfolger gegenüber. Die Lücke werde sich daher absehbar weiter vergrößern, die demografischen Zahlen sind eindeutig:
Am Steuer von Lastwagen sitzen mit einem Anteil von 39 Prozent überdurchschnittlich viele Menschen im Alter von 55 Jahren und mehr. (2) Viele Speditionen würden deswegen gerne Fahrer aus sogenannten Drittstaaten wie der Ukraine einstellen. Wie hoch die Hürden sind, hat die Tagesschau schon im Mai 2023 eindrücklich recherchiert und belegt.(3)

Quelle: Kleine Anfrage der Fraktion der CDU/CSU – Drucksache 20/12764; 2024 Stand August
Was hat sich seitdem getan?
Eigentlich nichts. Liest man sich zwei Antworten der Bundesregierung zu diesem Themenkomplex durch (Bundesdrucksache 20/12628 und 20/10921), kommt man zu diesem Ergebnis.
Aufschlussreich sind die reinen Zahlen:
Im Zeitraum von 2021 bis August 2024 wurden 3.380 entsprechende Visanträge bewilligt. Das ist gemessen am Bedarf eine verschwindend kleine Zahl.
Rechnet man die Anträge heraus, die über die Westbalkan-Regel gestellt wurden, bleiben 395 Anträge übrig. Das ist schlicht nichts. Das einzig signifikante Herkunftsland ist die Türkei mit 151 Anträgen.
Woran liegt es, dass so wenige Berufskraftfahrer aus Drittstaaten erfolgreich nach Deutschland geholt wurden?

Das sind die wesentlichen Hemmschuhe
- Sprache
Grundsätzlich sieht der § 19c Abs. 1 AufenthG in Verbindung mit § 24a Abs. 1 BeschV, in dem die Zuwanderung von Berufskraftfahrern geregelt ist, kein Spracherfordernis vor. Tatsächlich muss zumindest aber die Prüfung zur beschleunigten Grundqualifikation noch immer in deutscher Sprache absolviert werden. Je nach Sprachverständnis des Kandidaten sind dies (berufsspezifische) Sprachkenntnisse auf dem Niveau von A2. Im Januar 2024 hat die Bundesregierung ein Rechtsetzungsverfahren zur Änderung des Berufskraftfahrerqualifikationsrechts eingeleitet. So soll z. B. die Prüfung zur Erlangung der beschleunigten Grundqualifikation in einer von acht Fremdsprachen möglich sein. Speziell ausländischen Fachkräften soll so der Berufszugang erleichtert werden. Alleine ist diese Erleichterung noch immer nicht in Kraft getreten. Immerhin werden in den – im Rahmen des Job-Turbos – neu konzipierten Job-Berufssprachkursen (Job-BSK; 4) gezielt die Sprachhandlungen auch im Berufsfeld der Kraftfahrer vermittelt. - Prüfungsfreier Umtausch von Führerscheinen aus Drittstaaten
Dies ist leider weiter ein europäischer Flickenteppich. Im Prinzip hat jedes Land eine eigene Anlage 11 der Fahrererlaubnis-Verordnung (FeV). In Deutschland ist dort ein so „exotisches“ Land wie Namibia aufgeführt, in Rumänien Nachbarländer wie Moldawien. Dies führt zu großen Unsicherheiten bei der Rekrutierung.
Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Fahrer mit rumänischem Führerschein soll bei einer deutschen Firma als Berufskraftfahrer eingesetzt werden, dazu wird ein Wohnsitz in Deutschland angemeldet. Allerdings wurde in Rumänien aufgrund nationaler Erleichterungen sein ursprünglich moldawischer Führerschein prüfungsfrei umgeschrieben. Moldawien ist in der deutschen Anlage 11 FeV aufgeführt, allerdings mit der Pflicht zur praktischen Prüfung. Das bedeutet, dass moldawische Führerscheine bei einer Wohnsitzanmeldung in Deutschland zwingend mit einer praktischen Führerscheinprüfung umgeschrieben werden müssen. Dies lässt sich auch nicht dadurch umgehen, dass ein anderer EU-Staat, in diesem Fall Rumänien, eine prüfungsfreie Umschreibung moldawischer Führerscheine ermöglicht. Der so in Rumänien erworbene Führerschein wird daher mit der Schlüsselzahl 70 gekennzeichnet, sodass dieser zwar in Rumänien gültig ist, allerdings nicht uneingeschränkt in Deutschland. Solange der Wohnsitz ausschließlich in Rumänien bleibt, ist alles gut – das böse Erwachen kommt erst nach der Wohnsitzanmeldung in Deutschland bzw. auch in jedem anderen EU-Staat, der keine prüfungsfreie Umschreibung moldawischer Führerscheine ermöglicht.
Steht im Führerschein die Schlüsselzahl 70, kann man daran leider nicht erkennen, ob die Umschreibung mit oder ohne Führerscheinprüfung erfolgt ist (5). - Hohe Führerscheinkosten in Deutschland
Der Erwerb eines Führerscheins der Klasse c oder CE ist in der Regel in anderen europäischen Ländern deutlich günstiger als in Deutschland. Deswegen versuchen viele Logistikunternehmen, Drittstaatler im europäischen Ausland in die Prüfung zu schicken. In Polen gibt es sogenannte Führerschein-Camps, in denen innerhalb kurzer Zeit ein Führerschein erworben werden kann. Dies ist deutlich günstiger, dann aber tritt das Thema unter Punkt 2 zu Tage. Eine Idee ist die Schaffung eines EU-Programms zur Gründung von Ausbildungszentren in Drittstaaten nach EU-Standard, mit dem Ziel, Fahrer dort auszubilden (Führerscheinerwerb und BKF-Qualifikation) und auf dem EU-Arbeitsmarkt einsetzen zu können. In der Realität ist davon aber noch nichts realisiert worden. Einzelne Länder wie Usbekistan, Indien oder Kenia überlegen konkret, solche Ausbildungszentren zu schaffen. Solange diese Zentren aber nicht nach EU-Vorgaben zertifiziert sind, bleibt das Umschreibungsthema bzw. die Notwendigkeit der Prüfung in Deutschland (Theorie und Praxis inkl. BKF-Qualifikation) bestehen.
Fazit:
Im Vergleich zur Pflegebranche, in der auch ein großer Personalbedarf vorherrscht, sind die Regelungen zur Anwerbung von Kraftfahrern aus Drittstaaten noch immer sehr komplex. Pflege ist ein geschützter Beruf, bei dem die Anerkennung klar geregelt ist. Bei Kraftfahrern mit ausländischer EU-Fahrerlaubnis muss man sehr genau hinschauen, da die Krux im Detail liegt.
Es drohen empfindliche Strafen für Fahrer und Unternehmen, deswegen ist das Visa- und Behördenmanagement von zentraler Bedeutung. Gerne unterstützen wir dabei mit unserem Service-Angebot „INTERNATIONALE LKW-FAHRER FINDEN UND BINDEN“ gemeinsam mit unserem Partner PAPPERT:CONNECT.
Der Test enthält Fußnoten, dies sind Zitierhinweise, die wir auf Nachfrage gerne zur Verfügung stellen..
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