Warum hiesiger Fachkräftemangel und Bevölkerungswachstum in Afrika kein Nullsummenspiel ist
„Die Zukunft der Arbeit liegt in Afrika“. Mit dieser zugegebenermaßen provokanten These habe ich 2025 einen Text überschrieben, der im Sammelband von Professor Jens Nachtwei, Humboldt Universität Berlin, erschienen ist (1). Darin vergleiche ich schlicht Zahlen: auf der einen Seite die schwindende Erwerbsbevölkerung in Deutschland, auf der anderen Seite die steigenden Bevölkerungszahlen in Afrika. Auf dem Papier sieht das nach einer einfachen Gleichung aus: hier gehen uns die Fachkräfte aus, dort gibt es starkes Bevölkerungswachstum.
Viele afrikanische Länder bauen darauf, dass sie junge Talente ausbilden, die dann die Lücken in Deutschland oder Europa auffüllen, sei es durch Abwanderung nach Europa oder durch Remote-Arbeitsplätze in Afrika. Es gibt kaum ein afrikanisches Land, das nicht ein nationales IT-Qualifizierungsprogramm aufgelegt und eine IT-Outsourcing Initiative mit Blick auf Deutschland gestartet hat.
Aber ist das wirklich ein einfaches Nullsummenspiel?
Die ehrliche Antwort ist „leider, nein“. Betrachtet man die Faktoren, die in diesem Spiel eine entscheidende Rolle spielen, werden die Gründe für die Antwort schnell klar:

Faktor Information
In Deutschland gibt es kein fundiertes Wissen über Bildung und Qualifikation von Fachkräften in Afrika. Dabei lasse ich einmal außen vor, dass Afrika ein riesiger Kontinent ist, dessen Ausbildung- und Hochschulsysteme ohnehin kaum vergleichbar sind. Universitäten in Südafrika haben eine andere Vergangenheit und Anbindung beispielsweise an die USA als Universitäten in Marokko oder Tunesien. Gleiches gilt für Ghana oder Nigeria, oder für Ostafrika, die über die staatliche Institution Inter-University Council for East Africa (IUCEA) versuchen, ein flächendeckendes vergleichbares Bildungssystem zu etablieren.
Es gibt in einigen Bundesländern seit langem Partnerschaften mit Ländern in Afrika, z.B. Baden-Württemberg mit Burundi, Rheinland-Pfalz mit Ruanda. Jüngst hat das Land Sachsen eine Partnerschaft mit Uganda begründet. Nachhaltige Bildungspartnerschaften, die in einem größeren Umfang einen statisch messbaren Effekt erzielen, sind daraus nicht entstanden. Jede Einzelne dieser Initiativen ist wertvoll, einen arbeitsmarktpolitischen Effekt haben sie nicht.
Das Land Berlin hat 2025 das Projekt „Talent Bridges“ gestartet. Um dem anhaltenden Fach- und Arbeitskräftemangel in Deutschland wirksam zu begegnen, initiiert die Berliner Industrie- und Handelskammer nach eigenem Bekunden ein Modellprojekt für internationale Fachkräftesicherung. In Trägerschaft des gemeinnützigen Vereins Talentsbridge e.V. erfolgt in Kooperation mit der IHK Berlin der Aufbau eines Ausbildungszentrums in Namibia, das Fachkräfte nach deutschen Standards qualifiziert und sowohl für den deutschen als auch den namibischen Arbeitsmarkt vorbereitet. Die IHK plant das Projekt als skalierbares Pilot-Modell, das den Ausbau auf bis zu 3.000 Auszubildende pro Jahr ermöglicht.
Die Frage ist: Warum Namibia? Das Land hat knapp drei Millionen Einwohner, und die deutsche Wirtschaftsförderung GTAI schreibt zu Namibia: Der Wüstenstaat Namibia im Südwesten Afrikas ist dünn besiedelt. Extensive Landwirtschaft, Tourismus und der Abbau von Bodenschätzen prägen die Wirtschaft (.2). Mit Blick auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gehört Namibia zu den kleineren Volkswirtschaften der Welt (Platz 147 von 197 Ländern nach Georank, ca. 13,4 Mrd. USD 2025; 3).
Natürlich wird der Zugang dadurch erleichtert, dass die Hauptstadt Windhoek die Partnerstadt Berlins ist und dass Namibia einst deutsche Kolonie war. So finden sich noch Strukturen, an denen man zum Beispiel beim Thema Sprache anknüpfen kann. Aber reicht das als Basis für eine Talente-Brücke in die deutsche Hauptstadt?
Die Stadt Berlin hat in Deutschland eine besondere Wirtschaftsstruktur, geprägt von Verwaltung und Regierung, sehr kleinen Unternehmen und einer stark internationalen Gründerszene mit vielen Universitäten. Namibia ist kein Land mit starker Industrie, kein großer Startup-Hub, keine große Studentenmetropole (laut DAAD waren es 212 Förderungen in 2024 in Bezug auf ganz Deutschland aus Namibia). Accra, Lagos, Nairobi oder Kairo (wo es bereits mit der German University Cairo (GUC) und der German International University of Applied Sciences (GIU) zwei deutsch-ägyptische Universitäten gibt) treffen das Profil Berlins sicher besser.
Diese Art von „Zufälligkeit“ trifft man oft an, wenn man Bildungsprojekte in Afrika genauer unter die Lupe nimmt. Dieser Faktor spricht nicht gegen solche Projekte, sondern dafür sehr genau, mit einer klaren Strategie zu prüfen, wo Rahmenbedingungen so zusammenpassen, dass sie für beide Seiten gewinnbringend sind.

Faktor Zugang
Hier lohnt der kurze Blick nach Asien. „Die Zukunft der Welt entscheidet sich in Eurasien“, titelt die FAZ (4) ganz aktuell. Diese These wird seit Jahrzehnten in dieser oder ähnlicher Form angeführt. Die Sichtweise fußt auf der immensen Bevölkerungszahl, den reichen Ressourcen und der wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung der Region. Was sich sehr ähnlich wie die Diskussion um Afrika als Wirtschaftsregion anhört. Nur das Eurasien in einer gänzlich anderen Liga spielt, was wirtschaftliche oder arbeitsmarktpolitische Kennzahlen in Deutschland betrifft. Zwei Beispiele aus dem Arbeitsmarkt zum Beleg dieser Feststellung:
- Fachkräfte aus Indien: Allein aus dem Land Indien kommen aktuell fast gleich viele Fachkräfte nach Deutschland als aus dem gesamten Kontinent Afrika. Im März 2024 waren rund 138.000 indische Fachkräfte in Deutschland beschäftigt, eine Zahl, die kontinuierlich wächst. (5) Die Bundesregierung hat vor diesem Hintergrund im Rahmen des Plans „Focus on India“ (6) neue Maßnahmen zur Erleichterung der Umsiedlung und Beschäftigung indischer Fachkräfte angekündigt. Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung verblieb die Erwerbszuwanderung 2023 aus Afrika dagegen auf einem geringen Niveau von sechs Prozent an den Gesamtzuzügen aus Drittstaaten (7).
- Staatliche geförderte Projekte zur Zuwanderung aus Drittstaaten: In den Programmen wie Triple Win oder Hand in Hand for international Talents spielen afrikanische Länder keine Rolle. Gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit (BA) hat die GIZ durch das Programm Triple Win seit 2013 mehr als 8.000 Pflegefachkräfte und Auszubildende aus Partnerländern an rund 400 Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen in Deutschland vermittelt, davon sind bereits mehr als 6.000 eingereist (Stand 23.10.2025). Afrika stellt kein Partnerland in diesem Projekt. Kenia ist bisher das einzige afrikanische Land, mit dem Deutschland immerhin ein generelles Migrationsabkommen abgeschlossen hat, doch im dritten Quartal 2024 reisten nur etwa 90 kenianische Pflegekräfte nach Deutschland ein. Auch im von der Bundesregierung geförderten Programm Hand in Hand for International Talents gibt es kein afrikanisches Partnerland.
Offensichtlich spielt Geopolitik als Strategie hier eine große Rolle. Eurasien hat deutlich länger Zugänge zum Wirtschaftsraum geschaffen, als das bis dato in Afrika der Fall ist. Dies beginnt bei Verkehrsanbindungen, geht über globale Vernetzung hin zu internationalen Events. Gelegenheiten schaffen Chancen heißt ein Erfahrungsschatz im Sport. Wo keine Bobbahn steht, kannst du auch nicht Bobfahren. Der Staatspräsident von Ruanda hat anlässlich der Generalversammlung des Automobil-Weltverbandes FIA in Kigali im Dezember 2024 (Treffen!) angekündigt, dass es Formel-1-Rennen in der Hauptstadt Kigali (Event!) geben soll. Ein schönes Beispiel für Gelegenheiten, die Chancen schaffen. Und Friedrich Merz war als Bundeskanzler im November 2025 in Angola, um am EU-Afrika-Gipfel in Luanda teilzunehmen. Die Öffentlichkeit hat davon aber nur Notiz genommen, weil der Kanzler deutsches Brot zum Frühstück vermisst hat. Ansonsten war es offenbar ein internationales Treffen in Afrika ohne Bedeutung für deutsche Wirtschafts- oder Arbeitsmarktpolitik. Keine Gelegenheit, keine Chancen.
Da sind sicher nur anekdotische Randgeschichten. Sie verdeutlichen aber, worin der Unterschied in der Diskussionstand um den Wirtschaftsraum Eurasien zu Afrika besteht.

Faktor Historie
Wenn es einen roten Faden in Afrika gibt, der man bei allen deutschen Bildungsprojekten findet, dann ist es das Thema „brain drain“. Es geht in der Regel immer um Projekte, die Fachkräfte vor Ort befähigen sollen. Wogegen nichts einzuwenden ist.
Oft blockiert diese Sichtweise aber arbeitsmarktpolitische Projekte. Zugang zu Fachkräften ist schlicht ein wirtschaftlicher Faktor. Andere Länder wie Indien und Usbekistan gehen dabei von sich aus sehr zielgerichtet vor. Usbekistan treibt eine geordnete Entsendung von Fachkräften voran und unterstützt Bewerbende bei Sprach- und Bildungskursen. Deutschland ist einer der Wunschpartner der Initiative. Gegründet wurde die Agentur für Migration. Diese ist regierungsseitig zuständig für Fragen der Entsendung von Fachkräften ins Ausland. Neu sind nun staatlich akkreditierte, private Anbieter im Bereich Arbeitsvermittlung eingeschaltet worden, die künftig zudem die vorgeschalteten Berufsbildungs- und Sprachkurse organisieren sollen
Während also Nationalstaaten formale Vermittlungsstrukturen aufbauen, um ihren eigenen Fachkräften den Weg ins Ausland zu ebnen, sind andere Länder in Europa auch schon weiter als Deutschland in Bezug auf Afrika. Dies lässt sich gut an dem Beispiel von Berufskraftfahren aufzeigen. In Deutschland gibt es einen großen und wachsenden Mangel an Berufskraftfahrern (vgl. hier). Gleichzeitig steckt die Anwerbung von Berufskraftfahrern aus Drittstaaten in den Kinderschuhen. In den letzten drei Jahren wurden knapp 3.000 Fahrer aus Drittstaaten rekrutiert, die ganz überwiegend aus Osteuropa stammen. Dies liegt an der Westbalkanregelung, nach der Fachkräfte aus diesen Ländern fast gänzlich ohne Hürden nach Deutschland zur Erwerbstätigkeit einreisen dürfen. Für diese Fachkräfte ist Deutschland ein Zielarbeitsmarkt. Deutsche Logistiker gehen also verständlicherweise lieber den leichten Weg, um Fachkräfte zu rekrutieren.
Vor diesem Hintergrund haben Länder wie Rumänien oder Polen schon viel länger damit angefangen, Berufskraftfahrer aus Indien, Marokko oder Kenia anzuwerben. Für Fahrer aus diesen Ländern ist Europa in jedem Fall ein lohnendes Ziel, die Gehälter in Rumänien oder Polen sind in jedem Fall lukrativ genug. Und oftmals genügen dort englische Sprachkenntnisse im beruflichen Umfeld. Indische oder kenianische Berufskraftfahrer bilden in Deutschland dagegen eine große Ausnahme.

Faktor Verwaltung
Bürokratie und strenge Anforderungen schrecken viele qualifizierte Bewerber ab. Auch wenn umfassende Statistiken zu abgelehnten Visaanträgen schwer zugänglich sind, gibt es Anzeichen, dass die Ablehnungsquoten teils bedeutend sind. In einer kleinen Anfrage der Bundestagsabgeordneten Clara Bünger und der Fraktion Die Linke vom April 2025 zu Visaerteilungen im Jahr 2024 steht: „Vor allem in den subsaharischen afrikanischen Ländern sind die Ablehnungsquoten sehr hoch.“ (8)
Dieses Fazit aus einem Bericht der Deutschen Welle fasst die Situation bestens zusammen. In Nigeria beträgt die Warteliste auf einen Termin für die Chancenkarte mehr als zwölf Monate – egal, ob man den Antrag über das digitale Portal der Bundesregierung stellt oder versucht vor Ort einen Termin zu bekommen. In Ruanda müssen seit August 2025 alle Schengen-Visa über Nairobi beantragt werden. Ruandische Staatsangehörige, die für bis zu 90 Tage nach Deutschland reisen (Schengen-Visum), stellen ihre Anträge über TLS – Nairobi bei der belgischen Botschaft. Das heißt konkret, dass Antragsteller mindestens 48 Stunden Zeit und viel Geld investieren müssen, um an ein Schengen-Visum zu kommen. Es mag Gründe für diese Konstellation geben, die außergewöhnlich sind, sie sind aber doch eher systematisch.
Die Deutsche Welle hat sich die Zahlen genauer angesehen und herausgefunden: Schengen-Visa-Anträge aus Afrika werden häufiger abgelehnt als Anträge aus anderen Regionen. Denn während keine Zahlen zur Ablehnungsrate deutscher Arbeitsvisa nach Land der Antragstellung oder im zeitlichen Verlauf vorliegen, so gibt es diese Informationen für Schengen-Visa für Kurzaufenthalte schon. Hier zeigt sich ein klares Bild: Menschen aus Subsahara-Afrika haben deutlich schlechtere Chancen, ihre Schengen-Visa-Anträge werden häufiger abgelehnt als die von Menschen anderer Regionen. Das gilt sowohl für Anträge, die in deutschen Auslandsvertretungen gestellt werden, als auch für Anträge, die in den Auslandsvertretungen anderer Schengenstaaten gestellt werden.
Und auch die Chancenkarte greift hin Afrika nicht wirklich. Es müssen über 13.000 Euro in ein Sperrkonto eingezahlt werden, um die Reise bei Erfüllung der Vorgaben antreten zu können. Diese Hürde ist für die allermeisten KandidatInnen zu hoch. Und nicht jeder hat Bekannte- oder Verwandtschaft in Deutschland, die dafür bürgen können.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es eben kein Nullsummenspiel ist. Spieltheoretisch kann man nun untersuchen, welche der oben genannten Variablen veränderbar und welche unveränderbar sind.
Die Antwort ist leicht: Keiner der oben genannten Faktoren ist unveränderbar. Insofern bleibt Hoffnung für Fachkräfte aus Afrika. Allerdings braucht es einen langen Atem, bis die Transformation der Faktoren wirkmächtig wird. Kann sein, dass es dann für den deutschen Arbeitsmarkt zu spät ist und die jungen Fachkräfte aus Afrika anderswo die Zukunft gestalten.
Die gilt umso mehr, wenn man sich die Fragestellung aus Sicht afrikanischer Staaten ansieht. Deutschland spielt nicht in der ersten Liga der Zielländer, schafft es teilweise nicht einmal auf die Ersatzbank. Englischsprachige Länder sind für afrikanische Fachkräfte viel spannender, oder auch Länder in Europa, in denen man mit Englisch weiterkommt, als in Deutschland, z.B. die baltischen oder nordischen Staaten. Afrikanische Fachkräfte haben oft eine andere Wahrnehmung von Deutschland als Zielarbeitsmarkt. German Engineering ist ein Schlagwort, das Gewicht hat, aber die dominierenden Wunschunternehmen tragen doch eher amerikanische Namen. Der globale Wettbewerb um die besten Köpfe ist ungebrochen, viele Länder haben eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung. Auch deshalb sind der hiesige Fachkräftemangel und das Bevölkerungswachstum in Afrika kein Nullsummenspiel.
Im Text sind Nummern für Fußnoten enthalten, dies sind Zitierhinweise. Die Quellen sind auf Nachfrage gerne erhältlich, selbstverständlich beachten wir sämtliche Urheberrechte.
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