Die Situation mutet schizophren an: auf der einen ´Seite erhöhen die Kraftstoffpreise den Druck auf die Logistikbranche, auf der anderen Seite fehlen Fahrer, deren Anwerbung immer teurer wird.

Immerhin hat die Bundesregierung nun (endlich) Erleichterungen beschlossen, die seit mehr als einem Jahr als Referentenentwurf vorliegen. Dadurch erhöht sich der Pool an Kandidaten, die nun mit relativ wenig Aufwand einsatzbereit hier in Deutschland sind.
Hier die 3 wesentlichen Änderungen:

a) Prüfungen künftig in mehreren Sprachen möglich

  • Künftig soll die Prüfung zur beschleunigten Grundqualifikation neben Deutsch auch in mehreren Fremdsprachen abgelegt werden können – Englisch, Hocharabisch, Polnisch, Rumänisch, Kroatisch, Russisch, Türkisch und Ukrainisch.
  • Zusätzlich soll der Sprachenkatalog für die theoretische Fahrerlaubnisprüfung um Ukrainisch und Kurmandschi erweitert werden.
  • Die praktische Prüfung soll von derzeit 210 Minuten um 90 Minuten auf 120 Minuten gekürzt werden.

b) Anerkennung ausländischer Führerscheine wird erleichtert

  • Demnächst sollen auch in anderen EU-Staaten umgetauschte Führerscheine aus Drittstaaten in Deutschland anerkannt werden können.

c) Erweiterung der Anlage 11 zur Verordnung über die Zulassung von Personen zum Straßenverkehr

  • Die Ukraine und Montenegro sollen in die Fahrerlaubnis-Verordnung aufgenommen werden, sodass Führerscheine aus diesen Ländern künftig prüfungsfrei in eine deutsche Fahrerlaubnis umgeschrieben werden können.
Berliner Fachkräftestrategie 2035

Das Inkrafttreten der Änderungsverordnung ist noch für dieses Jahr geplant.

Für den Großteil der zur verfügenden stehenden Pools aus erfahrenen Fahrern aus Drittstaaten bleiben aber deutliche Hürden bei der Erlangung eines EU-Führerschein und einer gültigen FQN-Qualifizierung.

Hinzu kommen die Fluktuationskosten bei Berufskraftfahrern – ein zu oft unterschätzter Kostenfaktor. Die versteckten Kosten durch Fluktuation resultieren insbesondere aus den Faktoren wie Einarbeitung, Know-how-Verlust und ineffizienten Planungsprozessen. Rein auf Effizienz und Kostenreduktion ausgerichtete Digitalisierungsbestrebungen in vielen Unternehmen befeuern zudem die Fluktuation eher als sie sie reduzieren.

Eine offizielle, branchenweite Fluktuationsquote nur für Berufskraftfahrer in Deutschland wird von der Bundesagentur für Arbeit nicht gesondert ausgewiesen. Branchenbeobachtungen (u.a. vom BGL) zeigen jedoch, dass sich der Trend vielerorts in einer kritischen Lücke äußert: Länderspezifisch fehlen aktuell schätzungsweise 70.000 bis über 100.000 Lkw-Fahrer.

Hinzu kommt der demografische Effekt, der unaufhaltsam ist: mehr als ein Drittel (35 %) war 2022 mindestens 55 Jahre alt und geht also bald in Rente.

Bei der Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland sprechen manche von einer „globale Reservearmee“, die nun anrolle, bei der Qualifikation keine Rolle spielen würde. Mobile Endgeräte mit passender Spracheinstellung und Navigations-Apps machen umfangreiche Deutschkenntnisse überflüssig und verkürzen lange Einarbeitung. Die Kunst wird aber sein, diese neuen Fachkräfte so auszubilden, motivieren und integrieren, dass sie sich langfristig an einen Arbeitgeber binden. Dafür müssen die Unternehmen Zeit und Energie investieren.

Im Fazit heisst das: Das Behörden- und Genehmigungsmanagement wird voraussichtlich leichter, gleichzeitig steigen die Anforderungen zur langfristigen Integration von neuen Fahrern. Die Rekrutierung von Fahrern aus Drittstaaten amortisiert sich nur, wenn die Unternehmen hier ganzheitlich denken. Welcher Fahrertyp passt zu meinem Unternehmen und wie kann ich ihn langfristig an mich binden.

Beitrag von

Burkhard Volbracht
Burkhard VolbrachtManaging Director